29. Januar 2012
Der Sommer ist ein Maler, der Winter ein Zeichner. Damit das dunkle Liniengewirr der Sträucher und Bäume recht gut zur Geltung kommt, hat der Winter als Hintergrund
den Schnee erfunden. Mit dem Schnee macht er aber noch ganz andere Kunststücke: Wo erst Autos das Gesamtbild der Borstei trübten, stehen jetzt plötzlich weiße Schneewittchensärge und man denkt,
gleich müssten die sieben Zwerge um die Ecke schlittern, um die Königstochter wachzurütteln. Auch die Fahrräder, die das Jahr über an allen Ecken und Enden der Borstei stehen, herumlümmeln, vor
sich hinrosten oder nach einem Sturm im Weg liegen - auch die Fahrräder bekommen durch einen weißen Flaum märchenhafte Gestalt. Kann man mit ihnen geradewegs in den Himmel hineinradeln, so sanft
und schwerelos, wie sie ausschauen? Der Winter betätigt sich darüber hinaus auch noch als Modeschöpfer, ganz ohne Allüren. Jetzt, wo alle Welt teure Mützen und Kappen und Hüte aufsetzt, verteilt
der Winter kostenlos maßgeschneiderte Hauben. Schon das Wort kommt viel anschmiegsamer daher als "Mütze" oder "Kappe". Die Haube wird langsam und bedächtig - Schneeflocke für
Schneeflocke - auf ein Haupt gesetzt, das sich dabei ganz still verhält und nicht ständig herumwackelt. Der Mensch hat's ja immer eilig, so kann er auch keine Schneehaube bekommen. Schade, sie
wäre ganz umsonst und durchaus chic in ihrer schlichten Form und Farbe, ganz behutsam gestrickt vom Winter, biologisch und made in Germany! Chloe, die Tanzende Hofdame und viele weitere Statuen
in den Gärten der Borstei, die können stillhalten und warten - und deshalb bekommen sie eine Schneehaube. Leider ist sie wieder weg, wenn im Sommer die Sonne herabbrennt auf Chloe, die Tanzende
Hofdame und all die anderen Skulpturen. Aber der Sommer ist nicht so freigiebig wie der Winter: Ich hab noch nie gesehen, dass er Sonnenhüte verteilen würde, so leise und selbstlos, wie der
Winter die Schneehauben.
25. Januar 2012
Im diesjährigen Wechselbad von Schnee und Regen frösteln die Bäume und Sträucher der Borstei vor sich hin. Aber ein Strauch kümmert sich nicht um das pseudowinterliche Treiben, er blüht, als wär es Mai! Die Gartenkundigen wissen sofort: Das kann nur die Zaubernuss sein. Wenn man von der Dachauer Straße in die Ladenstraße der Borstei kommt, steht sie gleich links, sozusagen als Portier. Sie blüht so leise vor sich hin, ihre gelben fasrigen Blüten sind so zurückhaltend, dass sie von den im Winter doppelt eiligen Passanten selten wahrgenommen wird. Geht man nah zur Zaubernuss hin (sie freut sich drüber!), wird man an ihrem kräftigen Stamm sogar ein Namensschildchen finden. Sie nennt sich ganz vornehm auch Hamamelis. Klingt irgendwie aristokratisch, nicht so profan und zirkusmäßig wie Zaubernuss. Sie ist heimisch in den gemäßigten Zonen der nördlichen Erdhalbkugel, also in Japan, in China, in Nordamerika und in der Borstei. Die Europäer haben sie erst im 18. Jahrhundert aus Nordamerika geholt, zur Zierde ihrer Gärten. Dabei kann die Zaubernuss viel mehr, als das Auge erfreuen. Die Indianer in Nordamerika, die von Ziergärten nicht viel hielten, schätzten die Zaubernuss wegen ihrer medizinischen Nutzanwendung. Verletzte sich ein Indianer bei der Jagd oder auf dem Kriegspfad, dann wurde die Hamamelis als entzündungshemmendes Mittel eingesetzt. Dafür haben wir in der Borstei aber die Apotheke und so kann die borsteiliche Zaubernuss friedlich vor sich hinblühen, während die anderen Pflanzen neidisch zu ihr hinüberschauen und knurrend auf den Frühling warten.
10. Januar 2012
Das neue Jahr hat begonnen, der Winter noch nicht. Die Bäume und Sträucher warten auf Schneeeeee und die Kinder der Borstei auch! Natürlich muss es nicht so viel sein wie schon in manchen Jahren, aber ein gerütteltes bzw. geschneites Maß davon wäre jetzt nicht falsch, Frau Holle! Wenn im Osternest dann Schneebälle liegen, das gefällt doch auch keinem. Drum sollen einige Winteraufnahmen früherer Jahre den Winter herbeilocken - vielleicht gelingt's...
9. Dezember 2011
Nun kommen sie wieder zum Vorschein, nachdem sie sich das Jahr über hinter dichtem Laub versteckt gehalten haben: Orpheus und der Harmonikaspieler.
Orpheus, an der Ecke Bernhard-Borst-Straße/Löfftzstraße, steht abseits des geschäftigen Alltags in einer Nische und lässt seine Harfe leise erklingen. Neben sich hat er sein Radl stehen - doch wo nur bewahrt er den Schlüssel für das Fahrradschloss auf?
Der Harmonikaspieler dagegen verbirgt sich im Gebüsch hinter der Merkursäule, nicht weit vom Borstei-Cafe, wo sich im Sommer die Gäste oft über die heiteren Melodien
aus der Luft wundern. Aber jetzt ist das Laub abgefallen und er ist nicht mehr zu übersehen. Ob manchmal eine Münze bei ihm landet für sein Harmonikaspiel mit klammen Fingern?
Orpheus und der Harmonikaspieler - zwei Musikanten, die im Sommer nur zu finden sind, wenn man mit offenen Ohren durch die Borstei geht. Dann hört man ihre stillen Weisen klingen. Ob sie des nachts manchmal zusammen musizieren, im Rosengarten, wo schon zu Bernhard Borsts Zeiten abendliche Konzerte stattfanden?
25. November 2011
Im Ladenhof geschehen Naturwunder! Aus dem gepflasterten Boden sind über Nacht mehrere kleine Tannen und eine große herausgewachsen. Ungewöhnlich für die Nadelbäume ist auch, dass sich statt rauher Zapfen elegante Kerzen auf ihren Zweigen tummeln. Und gleichzeitig entdeckt der aufmerksame Spaziergänger, dass aus der Sternmagnolie unterhalb der hohen Säule des Merkur keine winterlichen Weihnachtssterne, dafür aber frühlingshafte Palmkätzchen sprießen. Die freuen sich jeden Tag auf die Novembersonne, die ab Mittag in den Ladenhof hineinblinzelt. Wenn es am Abend zeitig dunkel wird, legen sich die Palmkätzchen in ihrem Pelz schlafen. Die Wunderbäume aber werden munter und fangen an zu leuchten. Seltsame Welt im Ladenhof! (Und wer auf das Bild klickt, der kann die "Magnolienkätzchen" noch genauer anschauen...)
sinnlich - lebendig - bewegt



